Mittwoch, 9. August 2017

[Gelesen] Monica Wood - Bevor die Welt erwacht

Dieses Buch ist ein bisschen traurig. Ein bisschen ungewöhnlich. Und man lernt ein paar Wörter Litauisch.

Ona ist 104. Ein Junge besucht sie wegen eines Pfadfinderprojekts und es entsteht eine besondere Beziehung zwischen den beiden. Doch dann stirbt der Junge plötzlich. Und hier beginnt die Geschichte, denn sein Vater Quinn will fortführen, was sein Sohn begonnen hat.


Ungewöhnlich am Buch ist der Aufbau:
Es wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Von Ona, die in Litauen geboren, als kleines Kind nach Amerika ausgewandert ist und deren Leben das ganze 20. Jahrhundert umspannt. Von Quinn, dem Gitaristen, der seinen Sohn kaum kannte.
Immer wieder in Teilen eingeschoben wird ein Interview des Jungen mit Ona, der das ganze Buch hindurch namenlos bleibt (aus einem Grund, der erst am Ende klar wird), in dem nur Onas Antworten zu hören sind, nicht die Fragen.
Und dazwischen gibt es Listen mit Guiness-Weltrekorden, von denen der Junge fasziniert war.
"Ginger, eine Rotgefleckte, starb als Erste. Als Kit dann auch noch starb, schaffte Ona sich keine neue mehr an, weil sie nicht wollte, dass eine hilflose Katze ihre Herrin überlebte.
Das war damals, als ihre Haare noch wuchsen. Sie hätte noch anderthalb Katzen haben können." - S. 202

Wer Geschichten mit ständigen Perspektiv-Wechseln so skeptisch gegenübersteht wie wir, den können wir beruhigen: Die Wechsel werden nicht zur künstlichen Spannungs-Erzeugung genutzt, sondern die Geschichte fließt ruhig zwischen den beiden Erzählern weiter. Unterbrechend wirken nur die Rückblenden durchs Interview, in dem der Junge Ona über ihr Leben ausfragt - die fügen sich aber gut ins Buch ein, da die Erinnerung an ihr Leben und den Jungen auch Onas Gedankenwelt prägt.

Trotz des traurigen Grund-Szenarios erzählt das Buch eine positive Geschichte. Quinn kommt eigentlich nur aus Pflichtgefühl zu Ona - um das "Hilfe für alte Leute"-Pfadfinderprogramm seines Sohnes weiterzuführen. Zwei völlig verschiedene Menschen treffen voneinander, Quinn lernt durch Ona seinen Sohn von einer neuen Seite kennen, Ona ihrerseits profitiert von Quinns Tatkraft. Die beiden, die eigentlich nur durch den Jungen verbunden waren, entwickeln bald eine eigene Beziehung. Und für Ona, die sich in ihrem gemächlichen Altfrauenleben schon behäbig eingerichtet hatte, geht es nochmal so richtig rund.
"Als sie die Speisekarte aufschlug, hatte Ona plötzlich das Gefühl, noch gar nicht geboren zu sein, als wäre ihr langes Leben nur ein Aufwärmen für die eigentliche Show gewesen, über der sich der Vorhang gleich heben würde. Sie bestellte gegrillten Käse und einen Erdbeerkuchen und nahm sich vor, alles aufzuessen." - S. 203
Die Figuren sind glaubwürdig und sympathisch - wenn man über Onas schroffe Art zu Beginn hinweg ist - aber nicht fehlerlos. Quinn ist Berufsmusiker, der vom Gitarrenspiel leben kann, aber nie den großen Durchbruch geschafft hat. Er hat für den Versuch allerdings seine Ehe geopfert hat und als Gelegenheits-Vater ist ihm sein Sohn immer fremd geblieben, da dieser so anders war als er selbst. Ona ist eine schrullige alte Frau, die viel erlebt und verloren hat und der erst der Junge nach langer Zeit gezeigt hat, dass Alter nicht Tristesse bedeuten muss.

Das Buch handelt von Verlust, von den schwierigen Beziehungen zwischen Menschen, aber auch von Leidenschaften. Von der Vergangenheit – Onas Eltern, die ihre Muttersprache opferten, von Kartentricks und Verrat. Von der Gegenwart – von Quinns mäßig erfolgreicher Gitarristenkarriere, von unerfüllten Träumen. Und am Ende hat man ein bisschen Hoffnung für die Zukunft.

Autor: Monica Wood
Titel: Bevor die Welt erwacht
Verlag: Ullstein
Seiten: 457
Original: The One-in-a-Million Boy
Erscheinungsjahr: 2016
Deutsche Übersetzung aus dem Amerikanischen von Elfriede Peschel



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